AN ALLE! MAUSOLEUM BUFFO
Mai. 30., 2009 | 11:55 pm

(c) Hila Flashkes
„…back in U.S., back in the U.S., back in the U.S.S.R...” sangen einst die Beatles und so bewegen sich die Temponauten von andcompany&Co. auf Lenins Spuren durch die Zeit: Ein Schritt voran, zwei Schritte zurück in eine vergangene Zukunft. Der „Clinch von Revolution und Konterrevolution“ (Heiner Müller) wird zur innigen Umarmung zweier Superhelden: Lenin & Lennon. Das Märchen von der eingefrorenen Revolution (Lenis hundertjähriger Schlaf) spielt sich auf der andern Seite des Spiegels ab, als sich im Westen der Personenkult in Pop-Kultur verwandelte. Es spukt im Mausoleum, am laufenden Band spuckt es Geister aus, die niemand gerufen hat: MAUSOLEUM BUFFO handelt von einer Politik der Trauer und dem Totenkult, der mit Lenins Beerdigung begann und mit Stalins Grablegung nicht endete. MAUSOLEUM BUFFO ist eine sich im Kreise drehende Blaskapelle, das Lied der nie ankommenden Roten Armee, ein endloser Reigen toter Revolutionäre. MAUSOLEUM BUFFO erklärt sich schuldig am Kalten Krieg, am Sieg des Westens und am Untergang des Amilandes. MAUSOLEUM BUFFO deutet auf die Tragödie der Revolution und den Buffo ihres Scheiterns: Wird „Schneewittchen Lenin“ eines Tages erwachen und seinen gläsernen Sarg verlassen oder strawberry fields forever? Wie Lennons Beispiel zeigt ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts eine Geschichte des Verrats an einer Hoffnung, die seit dem Oktober 1917 mit der Hoffnung auf ein Ende des weltweiten Kriegszustandes gerichtet war. Nur im Rückblick auf die fatalen Fehler der Geschichte kann eine andre, mögliche Geschichte aufblitzen: Imagine…
MAUSOLEUM BUFFO ist der letzte Teil einer Trilogie des Wiedersehens mit dem 20. Jahrhundert, die mit „little red (play): 'herstory'“ im Herbst 2006 begann und ein Jahr später ins All führte in die TIME REPUBLIC.
PREMIERE: 06. JAN., WEITERE VORSTELLUNGEN 07., 09.-11. JAN. 09 / 20.00 UHRHEBBEL AM UFER / HAU 2 / BERLIN / Hallesches Ufer 32, U-Bahn Möckernbrücke
20.-21. Januar 2009, Frascati Amsterdam (NL)
13.-14. Februar 2009, Theater im Pumpenhaus, Münster (D)
27.-28. Februar 2009, Ringlokschuppen, Mülheim a.d. Ruhr (D)
05.-07. März 2009, Forum Freies Theater, Düsseldorf (D)
20. April 2009, Festival Reminiscence, Krakau (PL)
02.-03. Mai 2009, CRASH. BOOM. BAU. Festival, Jena (D)
weitere Infos:
www.andco.de
( ENGLISH )
| leave comment {3 comments} | Add to Memories | Tell a Friend
Attention! Attack on Lenin's Mausoleum!
Jan. 29., 2009 | 12:30 am
| leave comment {2 comments} | Add to Memories | Tell a Friend
Museum der politischen Geschichte Russlands
Jan. 26., 2009 | 05:32 pm
Wir gingen ins Museum der politischen Geschichte Russlands.
Die russische Faust schlug die staatliche Duma ein:
The State Duma: Historical Parallels
Rechts: “The Accursed Civil War”
Links: “It mustn’t be taken out… Keep it forever!”
( HIER GEHT'S WEITER... )
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
Ak... Akhee... Hatschi!
Jan. 26., 2009 | 05:03 pm
Was ein Tag! Tagsüber haben wir uns mit einem Popen getroffen, weil der angeblich viel über Stalins Verhältnis zu den Künstlern seiner Zeit wusste und abends sind wir ins AKHE Theater (Russian Engineering Theatre) gegangen – zwei Fehltritte an einem Tag!
( HIER GEHT'S WEITER... )
| leave comment {1 comments} | Add to Memories | Tell a Friend
Theatrograd
Dez. 15., 2008 | 12:00 pm
Über ihrem Kopf hängt das Bild:
„Die neuen Zuschauer“
( HIER GEHT'S WEITER... )
| leave comment {5 comments} | Add to Memories | Tell a Friend
Gamardschoba genatsvale!
Dez. 15., 2008 | 12:37 am
MAJAKOWSKAJA: Russland, Land der Dichter & Denker – und der SU-Bahn!
Wo gibt es hierzulande eine Bertolt-Brecht-U-Bahnstation? Einen Heiner-Müller-S-Bahnhof?
( HIER GEHT'S WEITER... )
| leave comment {1 comments} | Add to Memories | Tell a Friend
Kirov Museum II
Okt. 5., 2008 | 12:44 am
Эх, хорошо в Стране Советской жить!
Von der Kirov-Wohnung steigen wir in die Zeitmaschine und landen in einer Zeitblase: Die Sowjetunion in den 30ern. Leise Tango-Musik klimpert, alte Damen sitzen lächelnd herum und spielen im sowjetischen Kinderzimmer: „Als Lenin klein war...“
( HIER GEHT'S WEITER... )
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
Kirov Museum I
Okt. 4., 2008 | 02:54 am


Mit dem Fahrstuhl in eine „Insel des sowjetischen Lebens“ der 30er Jahre: Die moderne, von reichen („gewesenen“) Leuten requirierte Wohnung des Sergei Mironowitsch Kirow, dem Ersten Leningrader Sekretär, seit 1930 auch Mitglied des Politbüros, dem höchsten Machtgremium der bolschewistischen Partei und des sowjetischen Staates – extrem populärer Politiker, galt als Busen- bzw. Banjafreund Stalins, der mit ihm ins Theater gegangen sei (das konnten nicht viele von sich behaupten) und in seiner Ferien-Datscha immer ein Zimmer für ihn frei gehalten habe: eine gefährliche Nähe… Auf dem 17. Parteitag der KPdSU 1934 stimmten 292 gegen Stalin und nur 3 gegen ihn. Er wurde im Vorfeld von der Opposition angesprochen und hat es gleich Stalin verraten…
( HIER GEHT'S WEITER... )
| leave comment {1 comments} | Add to Memories | Tell a Friend
Chto delat?
Okt. 2., 2008 | 03:01 am
In einem einfachen – proletarischen – Café essen wir Borscht und trinken Bier mit Dmitry Vilensky von CHTO DELAT
| leave comment {1 comments} | Add to Memories | Tell a Friend
Das Bühnenbild der Revolution
Okt. 1., 2008 | 02:23 am

Solomon Wolkow sagte im Gespräch mit Joseph Brodsky: „Petersburger Prospekte, Gebäude, Wasser und die Steine erziehen den Menschen. Allein durch die Stadt spazierend bekommt man literarische Bildung, weil man durch den Verkehr mit Petersburger Steinen sofort in einen literarischen Kontext gerät.“ (… und zwar in den sog. ‚Petersburger Text’!)

(Lew Lurie, russischer Journalist, Historiker und Schriftsteller)
…und heiße das Stück auch ‚Staat und Revolution’.

Lev Lurie hat in einem Text über seine Heimatstadt den ‚pieterschen Snobismus’ beschrieben: „Sogar beim oberflächlichen Hinschauen ist das mürrische Wesen der Stadtbewohner bemerkbar: das mürrische Schweigen, der Blick weicht dem Blick aus, eine zufällige Berührung gleicht einem elektrischen Schlag, lautes Gespräch stößt auf allgemeine schweigende Missbilligung. Berühmt zu sein, ist unschön. Der Erfolg wird mit der Abgeschmacktheit (poshlost), Konformismus und Biederkeit assoziiert. In die Große Welt des Erfolgs, des Geldes, der Gastspiele, der großen Auflagen, aufgenommen zu werden, ist vom Gesichtspunkt eines Petersburger Snobs absolut non comme il faut.“

Lurie: „Die Norm ist ein körperlicher Mangel oder eine Krankheit (allerdings ist es unanständig, eigene körperliche Schwächen zu besprechen und gar sich darüber zu beschweren) und ehrliche Armut. Die nichtfunktionale Kenntnisse gelten als respektabel: altkoptische Sprache, Umstände der Biographie des Schriftstellers Konstantin Waginow, Geschichte des Friedhofs ‚Krasnenkoe’. Das Nichteintreten einer Kieferhöhlenentzündung oder im schlimmsten Fall der vasomotorischen Rhinitis ist in unserem Klima äußerst verdächtig.“
Und Dostojewski schrieb einmal:
„Es ist eben eine Stadt von Halbverrückten. Gäbe es bei uns einen ernstlichen Betrieb der Wissenschaften, so könnten die Ärzte, die Juristen und die Philosophen die wertvollsten Untersuchungen über die Petersburger Bevölkerung anstellen, jeder in seinem Fache. Es gibt wenige Orte, wo sich so viele düstere, starke, seltsame Momente, die auf die menschliche Seele wirken, vereinigt finden wie in Petersburg. Wie mächtig sind allein schon die Einwirkungen des Klimas!“ (Schuld und Sühne)
Die Auswirkungen dieser Stadt zeigen sich wie folgt:
Pyschki (russische Donuts) im echten altsowjetischen Bistro „Pyschechnaya“
Mit dem altsowjetischen indischen Kaffee
Sascha tarnt sich als echter mürrischer Petersburger
Auf der Suche nach Kostümideen – uns gefallen die mit Abzeichen überbordenden Mützchen sehr, die aussehen wie piercing maniacs.
Moderne Matroschkas: Wer steckt eigentlich in John Lennon? Oder in Elvis?
Auch in Petersburg heiratet man wie verrückt (das „wie“ kann man sich ruhig sparen) – hier stehen mehrere Paare Schlange:
Erst hopst man gemeinsam in die Luft...

…dann macht man die „Rübe“ („Repka“)!

Vettka flieht aus dem Antiquitätenladen
Denn hier geht Zeit mit Mao!
… und hier schlägt das Herz nicht länger links, sondern in der Mitte!
Unser hier ist unser russisches Lieblingstier: die Giraffe in Rot!
Und die allsehende Glühbirne.
..und Kirov als Pionier
„Hi Jossif, in was für verrückten Zeiten leben wir eigentlich? Wir gelten jetzt als antik!“
Das Neue Russland: Europa plus was?
Sascha will auf ne Gruselparty
Hier begegneten sich Bertolt Brecht und Angela Merkel
Doch die Straße gehört den Dope Idiots!
Hier gibt es eine Selbstanzeige-Cafe: “Sakvoyage“
Unter die Snob scheinen sich Straßenkünstler gemischt zu haben – es zeigt sich, dass zum ‚Petersburger Text’ auch Graffiti gehört: Goodness!
Das österreichische Kapital ist auch schon da…
Ein Denkmal schuf ich mir, wie's keine Hand je baute,
Zu dem nie überwuchern wird der völkerreiche Pfad,
Sein Haupt sich in den Himmel weitaus höher schraubte,
Als es die Alexandersäule tat.
Proletarische Frauen verarbeiten ihre Tageserlebnisse.
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
Nach Leningrad!
Sep. 30., 2008 | 01:33 am
Unter Lenins strengen Blick versammeln sich die Reisenden auf dem Leningrader Bahnhof für die Fahrt von Moskau nach Lenin- äh: Petrograd, heute wieder: Sankt Petersburg. Kompliziert, die Sache mit dem Namen: Die Stadtbewohner sagen eigentlich nur „Petersburg“, die Älteren von ihnen leben die historische Schizophrenie voll aus und erklären, dass sie in „Leningrad“ geboren seien, nun aber in „Petersburg“ leben, in „Pieter"… Joseph Brodsky schrieb in seinen Erinnerungen an Leningrad: „Leningrad […] – sosehr ich diesen Namen für die Stadt verabscheue, die vor langer Zeit von den einfachen Leuten kurz und liebevoll ‚Pieter’ – von Petersburg genannt wurde. […] Außerdem klingt dem russischen Ohr ‚Leningrad’ als Wort bereits so neutral wie ‚Bau’ oder ‚Wurst’. Und doch sage ich lieber ‚Pieter’, denn ich erinnere mich an diese Stadt in einer Zeit, wo sie noch nicht wie ‚Leningrad’ aussah – gleich nach dem Krieg. Graue, blassgrüne Fassaden mit Einschlägen von Kugeln und Granatsplittern; endlose leere Straßen mit wenigen Passanten und schwachem Verkehr; ein beinahe verhungertes Aussehen mit infolgedessen ausgeprägteren und, wenn man so will, edleren Zügen. Ein mageres, hartes Gesicht, in dessen Augen, den Fensterhöhlen, sich das abstrakte Glitzern des Flusses spiegelte. Ein Überlebender kann nicht nach Lenin heißen.“
( HIER GEHT'S WEITER... )
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
TASS is authorized to declare
Sep. 29., 2008 | 12:18 am
“TASS is authorized to declare”:

Leute, alles in Butter!


Der russische Fluchtpunkt
Das ist Juri Dolgoruki (=Georg Langhand) –
der Gründer von Moskau mit seinem langen Arm...
... und das ist
Hier ist das Hauptpostamt, zu dem Walter Benjamin
bei seinem Besuch in Moskau 1926-/7 immer gerannt ist.
„Unser Kampf geht weiter“ – die „verbotene Partei“ (nicht einmal der Name darf in den Medien genannt werden: Nationalbolschewistische Partei Russlands (NBP) von Eduard Limonow). Eines der wenigen politischen Symbole, die wir im Straßenbild gesehen haben. Fast kein gekringeltes A, einmal ein schwaches Antifa – auf dem Eingang zur lutherischen Kirche.
Zitat aus dem Bulletin NBP-Info Nr. 1:
„Unsere Ideologie ist die Wut von Che und der roten Brigaden; die scharfe Weisheit von Lenin; der elegante Wahnsinn von Mussolini; die geizige Männlichkeit der SS; die ausdrucksvolle Leidenschaft der Tschekisten, Pfeife und Stiefel von Stalin, Zwicker von Beria, Mystizismus von Baron Unger (von Sternberg).“
Majak (der Leuchtturm)

Das Majakowski Denkmal wurde am 28. Juni 1958 auf dem Majakowski Platz eröffnet.
Dieser Ort ist in den 60er zum Mittelpunkt des Gesellschaftslebens, zum Ort der ersten Dissidenten-Versammlungen geworden: hier trafen sich junge Leute, Poeten trugen Gedichte vor, Studenten und einfache Passanten redeten über Physik und Lyrik, stritten über die Zukunft.

„Sie müssen vors Gericht kommen, sich für die Konnivenz, Genozidbefürwortung und als Feinde des russischen und ossetischen Volkes verantworten!“
Sie fordern Massenrepressionen gegen die für die USA arbeitenden Volksfeinde und Verräter zu beginnen. „Die 5. Kolonne muss enthauptet werden. Bald werdet ihr abgeholt!“
Und so zog ihre Protestaktion unter den Parolen:
„Der gute Liberale ist ein toter Liberaler!“
„Stalin, Beria, GULAG!“
„Foltern und aufhängen, aufhängen und foltern!“
„Alle werden bestraft!“

Dagegen im Untergrund: Die reine Pracht.

Leonid Iljitsch Breschnew samt dem ganzen Politbüro fährt zur Arbeit ganz unauffällig.
GOGOL Nikolai Wassiljewitsch, der russische Klassiker
GOGOL - der Vogel, Bucephala clangula, also die Schellente
GOGOL-MOGOL – man nehme Kognak, Zucker, Zitrone und Eier. Kräftig durchschütteln.
Za washe zdorov’je!
Mit Elena Diakova von der „Novaya Gazeta“, eine vor 20 Jahren mit Gorbatschows Hilfe gegründete liberale Zeitung. Über sechs Stunden haben wir uns über Geschichte, Gegenwart und Zukunft Russlands unterhalten: Die Perestroika war „das Glück“ für sie – ganz Moskau habe miteinander geredet, diskutiert. Doch dass die SU aufgelöst wurde kam für alle überraschend: Am 8. Dezember 1991 wurde es im Fernsehen verkündet: „Alle sind jetzt frei!“ Kein öffentlicher Diskurs hat vorher stattgefunden, kein Plebiszit, nichts dergleichen Damals habe es viele „verrückte Demokraten“ gegeben, die alle für Stalinisten oder Faschisten gehalten haben, die Kritik daran geübt hätten. Unglaublich naiv sei man gewesen, man hatte gedacht, die ganze Welt würde ihnen nun helfen… Selbst wir können uns noch gut erinnern: Gorbatschow war der Dalai Lama der 80er Jahre, nur umgekehrt: statt ein kleines Land gegen ein Großreich zu vertreten, vertrat er ein Großreich, von dem sich viele kleineren Länder sofort lossagten, sobald das Eis des Kalten Krieges zu schmelzen begann…
In Russland geht man heute von drei Stufen der Liberalisierung aus: erst kommt ein Sommer-Frühling von oben (wie bei der Bauernbefreiung 1861 oder unter Chruschtschow und Gorbatschow), dann der Wasser-Frühling einer schrecklich-schmutzigen Schneeschmelze, gefährlich wie die Jelzin-Jahre und zu guter Letzt ein Gras-Frühling, wenn endlich eine neue Generation nachgewachsen ist (z.B. die Generation Gorbatschow, die von Chruschtschows ‚Tauwetter’ hervorgebracht wurde).
Das ehemalige Institut für Marxismus-Leninismus
Davor: der Denker.
Der Komsomolez-Kosmonaut.
„Flieg, Raumschiff, fliege… in Lenins Land wurd’st Du gebaut,
Du fliegst so weit der Himmel blaut.“
Vertreter der zukünftigen Arbeiterklasse
The russian red glamour of XXI century

Und das ist die Gras-Frühling-Generation (laut Michail Prischwin, wie wir von Elena Djakova erfahren haben) und üben Dub Steps in Formation am Puschkin-Denkmal
Ein seltener Anblick: Straßenmusiker. (Haben bestimmt eine spezielle Erlaubnis)
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
Schifffahrt auf dem Moskau-Fluss
Sep. 28., 2008 | 04:35 pm

Vieles verboten, besonders Fahrradfahren und Schwimmen gleich doppelt!

1,5 Stunden Schifffahrt auf dem Moskva Fluss

Blick auf den Kreml
Schwimmendes bayrisches Restaurant vor sozialistischem Gebäude
Das berühmte „Haus an der Uferstraße“, lange von der sowjetischen Elite bewohnt (Nikita Chruschtschow, die Armeemarschälle Georgi Schukow und Michail Tuchatschewski, Swetlana Stalina u.a.). Der russische Schriftsteller Juri Trifonow hat in den70er einen gleichnamigen Roman geschrieben über die Stalinschen Säuberungen, denen auch die Bewohner dieses Hauses nicht entgehen konnten. Ca. 250 Hausbewohner wurden in dieser Zeit verhaftet und hingerichtet. In ihre möblierten Wohnungen sind neue Bewohner eingezogen, die später selbst unter die Mühlsteine des Terrors gerieten. Heute befinden sich dort Wohnblöcke, Revuetheater, das Kino „Stoßarbeiter“ und der Supermarkt „Der siebte Kontinent“ – doch über allem dreht sich melancholisch der Mercedes Stern.
Der Titelheld dieses Fotos müsste eigentlich das Hauptgebäude der Moskauer Universität werden (erhebt sich im Hintergrund). Davor: ein Dramaturg.
Gut getarnt:
Diese Twin Towers beherbergen die Russische Akademie der Wissenschaften –
BUFFO BUILDING

Wohnhaus

Es gibt sieben davon. „Sieben Schwestern“ werden diese stalinistischen Hochhäuser genannt.
Hier sehen wir die berühmte Süßwarenfabrik „Roter Oktober“.
Denkmal Peters des Großen im Moskwa-Fluss
Zurück zu dem Peter I.: Dieses Denkmal wollte er Sankt Petersburg schenken, doch die Stadt hat die Gabe elegant abgelehnt. New York hat sein Denkmal den Opfern des 11. September auch abgelehnt – wegen der Größe. Der russische Galerist Marat Guelman

Futuristische Gebäude, erbaut von Chinesen.

Die Christ-Erlöser-Kathedrale wurde 1995-2000 originalgetreu nachgebaut. 1931 wurde die ursprüngliche gesprengt, weil Stalin auf diesem Grundstück den monumentalen Palast der Sowjets (Höhe 415 m) errichten lassen wollte, der die neue Sowjetunion architektonisch repräsentieren sollte.

Das Ganze ging nicht über die Fertigstellung der Fundamente hinaus, die Ende der 50er für die Errichtung des Freibades benutzt wurden: für das 13.000 m² große, ganzjährig beheizte Schwimmbecken. Die Moskauer sagten: „Von der Kathedrale ist nur eine nasse Stelle übrig geblieben“. Während der wichtigsten Kirchfesten werden die Gottesmessen aus dem zentralen Gotteshaus der Russisch-Orthodoxen Kirche zusammen mit dem sich bekreuzigten russischen Präsidenten samt seinem Ministergefolge im Fernsehen live übertragen.

Rechts auf dem Bild steht: „LIVE ÜBERTRAGUNG”
Vladimir Putin überträgt seinen Geist und Sünden auf Dmitry Medvedev.
Eines Tages kam Wladimir Wladimirowitsch™ Putin zu Gast zum Patriarchen von Moskau und ganz Rußland Alexij II.
„Jesus ist auferstanden, Ihre Heiligkeit!“ sagte Wladimir Wladimirowitsch™ froh und breitete seine Präsidentenarme aus, um den Patriarchen umzuarmen.
„Wahrhaftig auferstanden!“ antwortete der Patriarch feierlich.
Die Männer küßten sich dreimal.
„Ich hab was mitgebracht,“ sagte Wladimir Wladimirowitsch™ und nahm von einem seiner Leibwächter eine Präsidentenplastiktüte mit den goldenen Doppeladlern an den weißen Seiten. „Osterbrot...“
Wladimir Wladimirowitsch™ holte aus der Tüte zwei Osterbrote heraus.
Der Patriarch verzog etwas sein Gesicht.
„Ljudmila mit den Töchtern haben es selbst gebacken!“ sagte Wladimir Wladimirowitsch™ stolz. „Zu Ehren des Großvaters!“
„Ich kann sie schon nicht mehr sehen...“ murmelte der Patriarch vor sich hin. „Diese Osterbrote...“
„Das ist aber Dein Job,“ antwortete Wladimir Wladimirowitsch™ mit gelassenem Gesichtsausdruck und holte aus der Tüte gefärbte gekochte Eier heraus. „Und hier sind noch gefärbte Eierchen...“
Der Patriarch atmete auf und setzte ein dienstliches Gesicht auf.
„Apropos, Bratello,“ sagte Wladimir Wladimirowitsch™. „Ich hab mir folgendes überlegt. Der Wein ist Blut Christi. Und das Brot ist nun Leib Christi. Stimmt?“
“Stimmt,“ nickte der Patriarch.
„Und diese gefärbten Eier...“ begann Wladimir Wladimirowitsch™ und verstummte, ohne den Satz zu vollenden.
Der Patriarch zog erstaunt seine Augenbraunen hoch.
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
Good Night, Lenin!
Sep. 28., 2008 | 02:55 am
Abends zieht es uns wieder zum schönen roten Platz, immer wieder finden wir uns dort ein, auch wenn wir es nicht planen, dieser Ort hat einfach eine unglaubliche Anziehungskraft auf uns – wie ein Magnet! Jetzt glüht dort alles: die roten Sterne über dem Kreml glühen, die Kulisse der Einkaufspassage hat sich in eine leuchtende Lichterstadt verwandelt und selbst von den Souvenir-Ständen leuchtet es rot aus den Schneekugeln heraus, in denen der Rote Platz in Miniatur nachgebildet ist. Ich kann nicht widerstehen und kaufe mir eine kleine batteriebetriebene Kugel, möge der rote Stern auch zu Hause für mich leuchten: „Leuchtet ein Stern auf jedem Hut, in jedem Herz, jedem Haus/ Leucht roter Stern und mach mir Mut, leuchte mein Stern, weiiiiit hinaaaauuuuuuuusssssss…“
Wir schauen in den Sternenhimmel und werden von Vettkas Schwester Albina an Matthias Rust erinnert, der plötzlich aus eben diesem Himmel runter plumpste auf den Roten Platz – und wir malen uns die Gesichter der Menschen aus, als sie plötzlich das kleine Flugzeug bemerkten: Eine merkwürdige Geschichte, ebenso merkwürdig wie der Rote Platz… und wie sich die Zeiten geändert haben: Heute würde man ihn für einen Kamikaze-Piloten halten und von der Luftwaffe abschießen lassen!
Mathias Rust 1987


Gruppenbild vor GUM, dem Luxus-Kaufhaus: Hier herrscht der „glamur“, hier shoppen die „Tussowkas“ (Party-Girls) und die gold collar workers: die „neue russische Aristokratie“ (Selbstbezeichnung) – that’s posh in English und poschlost für die russischen Intellektuellen, die den Westen immer als vulgär, abgeschmackt und anti-spirituell ablehnen. Es scheint so, als ob sich Russland und Europa ineinander spiegeln wie das Kaufhaus GUM in Lenins Mausoleum.
Wir wünschen Lenin eine gute Nacht: „Good Night, Lenin! Schlaf gut… bzw. weiter.“ (Ist es nicht paradox: Er, der an den Schlaf der Welt rührte, schläft selbst nun schon seit 84 Jahren!) Nachts scheint die Basilius-Kathedrale endgültig erhaben über ihre Imitate in Neuschwanstein und Disney-Land. Bestätigten Gerüchten zufolge wollte die Disney Company 1995 Illjitschs Leiche für Euro-Disneyland erwerben, unbestätigten Gerüchten zufolge liegt Walt Disneys eigne Leiche tiefgefroren in einem Mouse-o-leum in Florida oder California – 2 Antipoden, die darauf warten, dass ihre Zukunft anbricht…
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
Mausoleum und Kreml
Sep. 27., 2008 | 02:21 pm

Geheime Aufnahmen aus als Mobiltelefonen getarnten Fotoapparaten belegen die heimliche Zusammenarbeit von Vladimir Illjitsch Lenin und Zar Nikolaus II. unter dem Banner der russischen Trikolore. „Der Zar ist weit, und der Himmel ist hoch“, heißt es in Russland zwar überall, hier aber, im Herzen des Landes, vor dem wieder aufgebauten Auferstehungstor ist es umgekehrt…

Hochzeitsgesellschaften statt marschierende Soldaten schwirren über den Schönen Platz, um Fotos vor Lenins Mausoleum zu machen. Das scheint paradox: Ist nicht Lenins Dasein der (beinahe hätte ich geschrieben: lebendige) Beweis, dass der Tod niemanden mehr scheidet? Oder ist es umgekehrt so, dass das künstliche Nachleben die Liebenden scheidet – wartet nicht die Krupskaja immer noch auf ihren Vladimir auf dem Friedhof? War sie nicht – wie sämtliche Parteiführer (außer Stalin) – gegen seine Mumifizierung? Und stand sie nicht dem Unverweslichen im hohen Alter immer noch fassungslos gegenüber – dass sie immer älter wurde, aber er immer noch wie ein 50jähriger aussah – wie der Highlander im Hollywood-Kino: „Es kann nur einen geben!“

Lenins Haus: Wir schauen staunend von außen ins Mausoleum rein, noch sind wir nicht soweit, und wir sehen viele Soldaten, einer steht wie ein Gemälde im dunklen Eingang und zeigt immer mechanisch mit dem Daumen nach links, wenn neue Leute kommen, die Treppen hinab.

Drinnen schimmert der schwarze Steinboden, er wirkt im flackernden Licht gefährlich rutschig und verunsichert die Besucher, deren Augen sich wie in einem Nachttierhaus erst ans Dunkel gewöhnen müssen. Im Keller liegt Lenin aufgebahrt in einem gläsernen Sarg wie Schneewittchen im Märchen und scheint von innen zu leuchten. Links, links, links, im Kreis herum an Lenins Leiche vorbei. Nicht anhalten, nicht anfassen, selbst die Absperrungskette darf man nicht berühren, sofort kommt einer der Soldaten, die alle genauso aussehen wie der Erste in der Tür… Nichtsdestotrotz lassen sich alle vor dem Mausoleum fotografieren, Kinder mit der russischen Flagge in der Hand und viele Hochzeitspaare. Die Bräute in gigantischen Plastik-Kleidern, wie weiße Tannenbäume, vom Mausoleum geht es zum Posieren, von dort weiter zur nie erlöschenden Flamme des gefallenen russischen Soldaten – KLICK – Lächeln und ab nach Hause, Hochzeitstorte fressen.
10.00 Uhr morgens, die Lenin-Schlange reicht fast bis zu MC-Donalds: Er ist wieder sehr beliebt, der Illjitsch. Wir reihen uns ein, hinter uns stellt sich leider eine Ami-Gruppe an, mit Teenie-Kids die erst aus Langweile ein brutales Händeklatsch-Spiel spielen, bei dem sie sich gegenseitig die Hände blutrot schlagen und sich dabei in breitestem Ami-Englisch über Lenins Leiche unterhalten: „Is he like dead? That's disgusting! Will he stink, is he like half rotten? Yak!“ Daneben stehen 2 ältere Russinnen und telefonieren mit dem Handy: „Wir besuchen Großväterchen Illjitsch“, übersetzt Vettka ihr Gespräch.
Wir wiederum versuchen uns einzustimmen auf den Moment, auf den wir so lange gewartet haben, Alex flüstert leise: „Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird leben!“ Vettka hat Herzklopfen, Sascha ist schlecht gelaunt, weil er sein Aufnahmegerät abgeben musste und ich bin einfach nur aufgeregt. Wir betreten den abgesperrten Bereich und werden von den wachhabenden Soldaten links an den anderen Gräbern vorbei gewunken, die kommen erst nach Lenin dran. Jetzt steigen wir, wieder an einem Soldaten vorbei, der regungslos vor dem Eingang steht, in die Gruft des Mausoleums, da steht ein weiterer Soldat und zeigt nach links, das haben wir ja von außen schon beobachten können. Aber jetzt aus dieser Nähe ist alles noch viel unwirklicher, die Dunkelheit ist so tief, dass sie zu schimmern scheint, die Soldaten (alle sehr jung, vom Gesicht her) stehen wie lebende Tote oder Puppen in dieser dunklen Kälte, einer zittert am ganzen Leib, und hält doch tapfer die Form. Ich denke an Nosferatu, die Soldaten sind plötzlich Vampire, die den Toten-Schlaf ihres Ober-Vampirs bewachen, Dracula. Fast gleite ich aus, denn der Marmorboden ist glatt, und fast sieht es so aus, als würde einer der Gespenstersoldaten mit einer helfenden Geste nach mir greifen, doch der Augenblick geht vorbei. Alles ist angeordnet wie ein Gemälde, und man ist plötzlich selbst Teil des Bildes, in Zeitlupe bewegen wir uns an den angeordneten Soldaten vorbei, halbblind stolpern wir über die letzte Schwelle und da sehen wir ihn, und es scheint als würde er brennen. Ich bewege mich auf Lenin zu und merke, dass da kein Feuer ist, sondern rötlich goldenes Licht, was so intensiv wirkt, weil es vorher so dunkel war. Verrückt, dass wir nicht stehen bleiben dürfen, aber natürlich werden so die Bilder im Gedächtnis intensiver, durch das Vorbeiziehen wirkt alles im Rückblick wie ein Traum: „Wie ich träumte, dass ich Lenin in seinem Grab besuchte.“ Und das ist es, sein Grab, es ist kalt, es ist klamm und Lenin ist tot, auch wenn nicht mehr viel von seiner Original-Leiche übrig ist, aber da liegt er trotzdem. Wieder raus ins Licht, wir fahren uns mit den Händen über die Augen und würden gerne noch einmal gehen, aber die Schlange ist mittlerweile unendlich lang. Sascha ärgert sich, dass er nicht raus gefunden hat, wo das Licht herkam, in uns anderen glüht es noch nach.

Jetzt kommen die anderen Gräber, der Kreml ist ein Friedhof und hier liegen sie alle: Clara Zetkin, die ich grüße, Gagarin und John Reed, die ganze erste Kreml-Garde, Felix Dserschinski und fast ganz zum Schluss Josef Stalin. Was sofort auffällt, alle haben dieselben roten Plastik-Nelken auf ihrem Grab liegen, nur 2 haben zusätzlich frische rote Rosen: Stalin und Dzerschinski. Stalins Büste ist auch anders als die anderen, heller und größer, die Augen scheinen einen zu verfolgen.
An der anderen Kreml-Mauer befindet sich das Ewige Feuer (das Grabmal eines unbekannten Soldaten), das an die Millionen gefallenen Soldatinnen und Soldaten der Roten Armee erinnert. Aber auch dieser Ort wird von Reisenden und Hochzeitspaaren besucht like just another Touristenattraktion.

Vorm Roten Platz reitet Georgi Konstantinowitsch Schukow (Verteidigungsminister und Marschall der Sowjetunion) über eine Hakenkreuzfahne.
Jetzt stellen wir uns in die nächste Schlange: ein Kreml-Besuch ist angesagt, was angesichts des Kaukasus-Krieges eher seltsam ist. Noch seltsamer ist die Ruhe auf dem grünen Kreml-Gelände, Touristen schlendern eisessend durch den Kreml-Park, Mercedes-Autos mit schwarz-getönten Fensterscheiben fahren lautlos hin und her, da wird eine brasilianische Delegation verabschiedet, dort fährt ein Konvoi mit russischer Fahne und zig Begleitautos vorbei … das war wohl der Präsident, meint Vettka. (Er soll ziemlich klein sein, so 1.60, weswegen er schon als „Liliputin“ verspottet wurde. Eigentlich heißt er Medwedew: „Bärchen“).

Staatlicher Kremlpalast.
Erbaut 1959 - 1961 für die Parteitage der Kommunistischen Partei der Sowjetunion.
"Glücklicherweise" sind 7 Etagen unterirdisch, so daß das Gebäude die Kirchen nicht überragt.
Früher hing über dem Haupteingang das goldene Wappen der UdSSR.
Mit dieser Kanone hat sich Stalin morgens immer in sein Büro schießen lassen.
Diese Glocke wurde von Lenin eigenhändig gepflückt.
Hier spaziert Niki durch ein Ölgemälde.
Ihr ist plötzlich ein Käppi gewachsen.
Illijtsch verspürt plötzlich diesen seltsamen Heißhunger auf Äpfel… ob die nicht ein böser Generalsekretär vergiftet hat?
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
GULAG-Museum in Moskau
Sep. 1., 2008 | 12:09 am

Heute erkunden wir Moskau mit Margarita Abramovna, einer Moskaved, was so viel heißt wie „Moskau-Expertin“, anscheinend ein Beruf, den man hier studieren kann.
Wir laufen durch Seitenstraßen und entdecken das „alte“ Moskau“, wie zum Beispiel dieses Haus, das voller Transparente und Sprüche ist, da eine Initiative es vor dem Abriss schützen wollte. Aber es nützt nichts im boomenden Moskau, wo Grundstücke viel mehr wert sind als wunderschöne alte Häuser, und so verschwinden sie immer mehr aus dem Stadtbild und werden durch hässliche Neubauten ersetzt. Margarita Abramovna denkt irrtümlicherweise, dass wir uns als Deutsche vor allem für Deutsche interessieren, und so erfahren wir wo welche Deutschen von der Zarenzeit bis jetzt gelebt haben, welche Deutschen wo welche Häuser gebaut haben und führt uns zu guter letzt in eine lutheranische Kirche, wo deutsche Gottesdienste abgehalten werden und Orgelkonzerte. Vor einem Krankenhaus bleiben wir stehen und hören die Geschichte von einem deutschen Arzt, der da wohl Gutes getan hat, sein Name war: Dr. Gaas. Sascha verschluckt sich vor Schreck, und wir tauschen entsetzte Blicke aus, Frau Abramovna denkt wohl wir hätten nicht verstanden und sagt noch mehrmals laut: Dr. Gaaaas, Dr. Gaaaas. Vettka erklärt uns geschockten Menschlein, dass die Russen das H wie ein G sprechen, der Mann hieß also ebenso Dr. Haas wie Genrich Geine Heinrich Heine heißt.
An Edelboutiquen vorbei laufen wir zum Gulag-Museum.
Fast hätten wir den Eingang verpasst, neben den leuchtenden Marc Jacobs-Fenstern.
Es geht in einen dunklen, dreckigen Hauseingang, der gerade eine laute Baustelle ist, und dort befindet sich seit 2004 das GULAG-Museum. „Herzlich Willkommen in unserem traurigen Museum“ sagt Margarita Abramovna, und es ist nicht klar ob sie den Inhalt oder den Zustand des Museums meint, wahrscheinlich beides. An beiden Seiten hängen große Porträts von Menschen, die man hier „Repressierte“ nennt: Opfer der Stalinschen Verfolgung:
Vettka, Alex, Niki und Margarita Abramowna im Hof des Museums.
Künstlerische Werke aus den 30er Jahren, die trotz der Massenverfolgungen, den Schauprozessen und dem Großen Terror von vielen als eine fröhliche Zeit erlebt wurden. Tango: „Die Sonne, die uns täuscht“.
In verschiedenen Vitrinen sind Gegenstände von Zwangsarbeitern ausgestellt.
„Mit eisernem Arm treiben wir die Menschheit ins Glück hinein.“
Im Erdgeschoss ist eine Zwangsarbeiter-Baracke nachgebaut.
An der Wand hängen Propaganda-Palakate:
„Stachanowsche Arbeit ist der beste Weg zur Haftverkürzung!“
An diesem Abend verbrachten wir die Zeit in der bekannten Künstlerkneipe: „Kleines Schnapsglas“ (Rjumochnaya). Dort kann man günstig essen und interessante Leute kennen lernen. Diese Imbiss-Kneipe ist unter den Schriftstellern, Musikern und Theaterstundenten besonders beliebt.
...Und da sitzen sie und starren auf den Bildschirm. Es ist der 08.08.08 und wir sind zufällig genau zum Ende der Eröffnung der Olympischen Spiele eingekehrt, sehen noch den Luftlauf des Fackelträgers über einem imaginären roten Teppich, dann kommt die Werbepause, bzw. die Nachrichten: Kampfflugzeuge, Panzer, Soldaten. Vettka stöhnt auf: „Nicht wieder ein Krieg!“ Der russische Präsident erscheint im Fernsehen und erklärt, dass russische Truppen russische Bürger beschützen müssten. Wir können es nicht glauben, dass während der Olympiade ein Krieg beginnt – in der Antike mussten in dieser Zeit jegliche militärischen Konflikte eingestellt werden.
Ein alter, ehemaliger Beamter der sowjetischen Handelsvertretung in der DDR spricht uns in stockendem Deutsch an und schwärmt von der schönsten Zeit seines Lebens und einem Ort namens „Zur letzten Instanz“ - wahrscheinlich ein Ostberliner Pendant zum „Kleinen Schnapsglas“. Er würde sofort zurück, wenn er könnte, und versteht nicht, dass das Land seiner Träume gar nicht mehr existiert. Er war von 1969 bis 1972 in Berlin, als Honecker Ulbricht ablöste und kurz ein frischer Wind durch die DDR wehte, während in der Sowjetunion unter Breschnew schon die graue Zeit der Stagnation herrschte, kein Wunder also, dass ein Anfang Zwanzigjähriger das als Highlight erlebt hat. Heute ist er Stammgast im Schnapsglas. Und das sind die Sprüche im Schnapsglas:
“Die Nahrung sorgfältig kauend, hilfst du der Gesellschaft!“
(Losung in einer sowjetischen Kantine, 1928 im satirischen Roman „Zwölf Stühle“ der sowjetischen Schriftsteller Ilf und Petrow erwähnt.)
morgen
BIER
UMSONST
„Handy ist der Freund, aber der Feind lauscht. Geh raus und sprich draußen!"
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
Nach Twer! Waltraut Schälike
Aug. 24., 2008 | 01:26 pm
Das hier ist die Twerskaja-Straße, auf der das Hotel Lux steht, das Wohnheim der deutschen antifaschistischen Emigration. Hier ist auch Waltraut Schälike mit ihrer Familie aufgewachsen, deren Erinnerungen wir gelesen haben: „Ich wollte keine Deutsche sein. Berlin-Wedding – Hotel Lux“ (Dietz-Verlag). Heute werden wir sie in Twer besuchen - auf ihrer Datscha!
Juchu, wir fahren auf die Datscha!
Juchu, wir fahren immer noch auf die Datscha (leider ist der Bus überfüllt)!
Juchu, wir fahren immer noch auf die Datscha (leider stehen wir seit einer Stunde im Stau)!
Dafür gibt es viele Soldaten-Denkmäler zu sehen.
Hier fielen die mordenden Deutschen mit dem Vernichtungsfeldzug ihrer Wehrmacht ein.

"Das neue Moskau" von Juri Ivanovich Pimenov (1937, Tretjakow-Galerie)
Waltraut hat uns eine ausführliche Wegbeschreibung geschickt:
"Zu einer Seite rechts ist ein Birkenwald, zur anderen Seite links sind vier 9-stöckige Häuser und dann ein Laden "Twerskoj Kupez", von dem biegt ihr lings um, und geht die Strasse bis rechts ein braunes Tor mit der Schrift "Sadovoe towarischestvo Druschba" zu sehen ist. Da geht Ihr rein und und marschiert in selber Richtung 100 Schritte innendrin bis 2. Sadowaja uliza (Str.). Da ist ein zweistöckiges hellgrünes Haus hinter einen Drahtzaun mit ein bisschen bunten Fenstern.
Аm Tor kann auch telephoniert werden, dann stehe ich an meiner Datschа und winke mit den Händen."
Juchu, wir sind endlich da, und suchen die grüne Datscha mit den bunten Fenstern.
Juchu, da ist die Datscha, wir rufen und wir winken!
„Schön, dass ihr da seid, ich erkläre euch jetzt meine Datscha“, sagt Waltraut. Als erstes fallen uns ein Hund und eine Katze auf, die friedlich zusammen liegen. „Die verstehen sich ja“ ruft Sascha erstaunt. „Ja genau, der Hund leckt der Katze jeden Morgen den Po“ bestätigt Waltraut.
Wir betreten absolut wildes Gebiet, eine Art Dschungel, hier hätte es Pipi Langstrumpf gefallen!
Brombeer-, Himbeer-, Blaubeer- und Preiselbeersträucher an denen wir uns laben sollen, geheime, dornige Wege durch Strauchwerk und Büsche offenbaren eine baumbewachsene Lichtung mit einer Tischgruppe aus Baumstämmen, hier soll später gegessen werden.
Karotten spielen eine wichtige Rolle auf unserer Reise,
hier tarnt sich
Da wir ein Kollektiv sind, bekommt jeder eine –
gleichmäßige Distribution ist natürlich eine Grundregel!
Alex hat seine Rübe schon aufgegessen, deswegen guckt er so traurig.
„Hier ist das Klo“, zeigt Waltraut Sascha, „da muss man ziehen, aber das funktioniert nicht bei einer Wurst“. Wir hören staunend, was wir im Falle einer Wurst machen müssen und wissen, diese Frau ist lässig!
Drinnen ist es sehr gemütlich!
Und wir sind alle ein bisschen überwältigt, weil es so ein besonderes Treffen ist!
Das Bild von der Rübe hängt natürlich auch!
„In der Ecke vom Garten hat der Paule sein Beet und da hat er wie jedes Jahr Rüben gesät, doch da wo sonst Bohnen die Stangen hochklettern, wächst jetzt eine Rübe mit riesigen Blättern. Hau Ruck ruft der Paul und Hau Ruck ruft der Fritz, alle Mann nix wie ran, ganz egal ob du schwitzt, die Rübe ist dick und die Rübe ist schwer, ach wenn die dicke fette Rübe doch schon rausgezogen wär“
(deutsche Variante von sowjetischem Zungenbrechermärchen "Repka")
Als wir unter den Bäumen sitzen und Suppe löffeln sagt sie: „Ich bin Waltraut und möchte wissen, was haltet ihr vom Kommunismus? Ich bin nämlich Marx-Forscherin!“
Da sitzen wir und sind hellwach, genießen jede Sekunde dieses kostbaren Tages, unterschiedliche Emotionen, Reaktionen huschen über die Gesichter, jede von uns erlebt diese Stunden anders. Waltraut erzählt von sich, von ihren Eltern, ihrer Kindheit in der Sowjetunion während des Krieges, von den Verhaftungen im Lux, der Angst und der Solidarität zwischen den Emigranten. Und sie erzählt von Marx - und wieder müssen wir staunen, denn sie hält ein Loblied auf die Faulheit wie wir es nur aus Binis Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird kennen. „Es geht nicht nur um die Produktion bei Marx, sondern um den Verkehr!“ Und dass es nicht mehr darum gehen könne, eine Revolution zu machen, nach der dann alles anders werden müsste, sondern dass es Kommunistisches schon im Kapitalismus gäbe – im Verkehr der Menschen. Überall, wo etwas nicht um des Profits willen produziert wird – wie in der Kunst, erklärt sie, z.B. bei uns. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier ist eine Kommunistin des 21. Jahrhunderts - und wo es eine gibt, gibt es, zwei, wo es zwei gibt, muss es drei geben!
Sascha hat sein Mikrophon in den Baum gehängt,
seine Füße werden von dem Hund gewärmt.
Sowjettka hat den berühmten sowjetischen Champagner „Sowetskoe Shampanskoe“ aufgemacht, den trinken wir mit Waltrauts Sohn Jura, der dazugekommen ist. Kekse aus der Sowjetzeit werden aufgetischt - trotzdem hat unser Treffen nichts Nostalgisches, hier geht es um die Zukunft!
Jura
wir versprechen uns virtuellen Verkehr und wollen uns als Friends verlinken!
Zwischendurch machen wir immer wieder Fotos von uns allen: Waltraut knipst uns, Jura knipst Waltraut mit uns und wir knipsen zurück: „Keine Posen, die knipse ich nicht!“ sagt Waltraut.
Glücklich und auch ein bisschen traurig gehen wir, um den letzten Bus nach Moskau zu erwischen, solche Leute müsste man öfter treffen!
| leave comment {1 comments} | Add to Memories | Tell a Friend
Roter Platz I
Aug. 21., 2008 | 01:30 am
Endlich geht es zum Roten Platz, little red ist schon so aufgeregt,
dass sie in die Luft lacht, bis sie platzt.
Alex: Kaum durchqueren wir die teure Arkade, springt mich schon wieder einer von der Seite an – ein privater Wachmann – und sagt (was wohl?) … „Fotografieren verboten!“
...bis sie von Leuten mit noch größeren Schuhen überholt wird
die ihr zurufen: Hier nur mit Sonnenbrille überqueren!
Auf dem Weg entdeckt Sowjettka viele interessante Dinge, zum Beispiel den russischen Rambo.
Auch Sascha entdeckt mal was: einen blauen Bus! Ein Milizmobil, könnte von uns sein…
Alex entdeckt, dass McDonalds in Russland nicht in Rot, sondern in üblem Grün gehalten ist. Dafür ist Media Markt pink!
Außerdem sind Anführungszeichen verboten!
Endlich erreichen wir den Roten Platz, der in Wirklichkeit der Schöne Platz ist - und staunen nicht schlecht: Er ist eine Bühne!
Der Boden ist über und über mit verschiedenfarbigen Markierungen versehen, die Rangordnung fürs Aufmarschieren. Hier sind die jungen Komsomolzen entlang marschiert und haben so lange: STALIN, STALIN geschrieen, bis sich der große Führer der Völker erbarmte und wieder aufstand (er hatte sich nämlich gerade bequem auf die Tribüne gesetzt, und dann sah manihn nicht mehr von unten, vom Roten Platz aus). Gnädig winkte er der jungen Komsomolzengarde zu, die seit Monaten diesem Moment entgegen gefiebert hatten. Tränen des Glücks, fast ohnmächtige Gefühle: „Das werde ich meinen Enkelnerzählen!“ STALINMANIA.
Immer mehr Akteure treffen nach uns auf dem schönen Roten Platz ein: Lenin und Stalin sind schon da, Breschnev und Zar Nikolai II. biegen um die Ecke, der Zar trägt stolz die alte russische Fahne mit dem imperialistischen Doppeladler.
Lenin trifft Lenin.
Schaut man genauer hin, sieht man sie Unmengen Biertrinken, die Gesichter vom Alkohol aufgedunsen, besonders Lenin sieht aus wie seine eigne Leiche. Jetzt muss Lenin aufs Klo, bekreuzigt sich und geht in die Kirche, vor der ein weiterer Akteur sitzt, ein bettelnder Pope in goldenem Gewand.
Stalin ist eingeschlafen, Breschnev posiert miteinem Hochzeitspaar. Da kommt Lenin wieder aus der Kirche, stellt sich zur Gruppe, die bolschewistische Zeitung „Iskra“ (Der Funke) in der Hand. Immergrößer wird die Fotogruppe, Rubelscheine verschwinden in Taschen, da wird die Zeitung gleich noch ein wenig höher gehalten, eine rote Fahne kommt dazu, man gibt sich kämpferisch.

Das ist der geographische Nullpunkt der Stadt Moskau: Die Stunde Null in Form eines goldenen Kreises, in den sich immer wieder Menschen stellen, die Münzen werfen, um sich einen Wunsch zu erfüllen: Hier versucht Alex sein Glück und wünscht sich …
Im Halbkreis lauern alte Babuschkas und Bäuerinnen und prügeln sich um die fallenden Münzen. Da wird geschubst, getreten, gegrabscht, geschrieen, gekniffen und gezankt - ganz großes Theater!

Später erfahren wir, dass die Mütterchen von der Kirche geschickt werden, kein Wunder also, dass es little red eher mulmig war und
Nach dem Rummel brauchen Sascha und Sowjettka erst mal ein Eis, das gute sowjetische natürlich, das schmeckt!
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
Lubjanka
Aug. 18., 2008 | 11:25 pm
Der Teil des Gebäudes, der sich hinter Majakowskis Kopf gespiegelt hat, wurde erst 1945-47 hinzugefügt. Der Architekt Alexei Schtschussew ist derselbe, der das Lenin-Mausoleum erbaut hat.
Vor dem Gebäude parken keine Autos, wir versuchen zum Eingang zu laufen, wo die Verhafteten eingefahren wurden, aber wegen der merkwürdigen Architektur gelingt uns das nicht. Denn Lubjanka scheint nicht enden zu wollen, an das alte, historische Gebäude ist ein weiteres, moderneres Gebäude angebaut, das komisch um die Ecke geht, an dieses wiederum ein weiteres Gebäude. Lubjanka ist ein Ort in Moskau, erzählt uns am nächsten Tag Margarita Abramovna, den kein Moskoviter leiden kann. (Sie hat einen interessanten Beruf: Sie ist Moskaved, eine studierte Moskauexpertin). Wir erblicken eine Plakette, die an Andropow erinnert, den letzten Generalsekretär, der hier zuvor residiert hat als KGB-Chef. Doch bevor wir es dokumentieren können, stürzt ein Wachmann auf uns zu, ob wir denn eine Erlaubnis hätten. „Na dann, auf Wiedersehen“ sagt er, als wir verneinen, und es klingt nicht sehr freundlich. „Wenn wir das knipsen, dann stürzt es ein“ scherzt Vettka und spielt auf einen Kommentar von Sorokin über Solschenizyns Buch Archipel Gulag an: Die Menschen in der Sowjetunion hätten so sehr an die Kraft dieses Buches geglaubt, dass sie dachten, wenn man mit dem Buch in der Hand 100 mal mit der Ringbahn um Lubjanka und Kreml fährt, würde die Sowjetunion zusammenbrechen. Nun ist die Sowjetunion einfach so zusammengebrochen, aber die Lubjanka besteht weiter.
Eine Ecke weiter machen wir ein Foto von der Rückseite – das konstruktivistische Gebäude gegenüber (auf dem Bild links) ist das ehemalige GPU-Headquarter, heute FSB, wie alle Gebäude rund um die Lubjanka herum.
Während der Sowjetzeit befand sich hier im Erdgeschoß ein gut sortiertes Lebensmittelgeschäft ausschließlich für die Mitarbeiter des Hauses.
Hier das ehemalige Außenministerium, das bis zum zweiten Weltkrieg in diesem Mietshaus untergebracht war. Dort haben Molotow und Ribbentrop inoffizielle Gespräche geführt, doch die Entscheidungen wurden in dem Haus gegenüber getroffen (s.o.)
Um die Ecke davon befand sich der Empfang des NKWD, wohin sich verzweifelten Angehörigen der Verhafteten wandten, um etwas über deren Schicksal zu erfahren - meistens erfolglos (auch Achmatowa und Zwetajewa waren hier).
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
Majakowski/Lubjanka
Aug. 16., 2008 | 12:47 pm

Damals lautete die Devise: „1 Mensch, 1 Problem. Kein Mensch, kein Problem.“
sagt der Museums-Guide.
Schluß mit dem Zank und Gezauder.
Still da, ihr Redner!
Du
hast das Wort,
rede, Genosse Mauser!
Brecht das Gesetz aus Adams Zeiten.
Gaul Geschichte, du hinkst ...
Woll'n den Schinder zu Schanden reiten.
Links!
Links!
Links!
Ein Denkmal aus fliegenden Blätter erinnert an die ermordeten Künstler jener Zeit.

Doch nachdem Majakowskis Vater gestorben war, zog die Familie aus Georgien fort nach Moskau. Schon als junger Mensch brach Majakowski aus aus der Welt der Kunst, der Akademie, der Konvention – er, der Leuchtturm (MAJAK)
fühlte sich im Kunstbetrieb wie eine Giraffe: 1912 verpasste er mit andren Dichtern „eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack“...
... und tauchte ein in einen Traum aus ROT und GELB von einer andren Welt - der Welt der kommenden Kommune. 1918 schrieb Majakowski MYSTERIUM BUFFO zum Jahrestag der Revolution, 1920 wurde es für den 3. Parteitag der Komintern in einem Zirkus auf Deutsch aufgeführt: Mysterium der Revolution, Buffo der Bourgeoisie: Auf der roten Flut der Revolution schwimmt eine Arche mit sieben Temponautinnen...
Die Welt des Poems "Wladimir Majakowskij" ist von unglücklichen Wesen bevölkert. Der Mensch ohne Fuß, der Mensch ohne Hand oder ohne Ohr oder ohne Auge. Das Einzige, was sie alle miteinander verbindet, sind Tränen, mit denen sie diese Welt umspülen. Diese traurige Welt betritt er, Wladimir, der junge Poet. Er versucht diesem Menschenanlauf zu erklären, warum er seine Seele auf dem Tablett zum Mittagessen der fortschreitenden Jahren trägt. Er ist bereit den Menschen ihre neuen Seelen zu eröffnen - mit den einfachen Worten, einfach wie ein Brüllen. Er will erklären, wie schwer es ihm fällt, mit dem Schmerz zu leben. Aber die Menschen fordern, dass er alle ihm gebrachte Tränen zu seinem Gott bringt - er ist selig, weil er den Gedanken den übermenschlichen Raum gegeben hat.
Heda! ihr -
Herrschaften!
Freunde des Entsetzens,
des Läster-Grauens,
Verbrechens,
Gemetzels, -
das Schlimmste
entging euch bei all dem Getue:
mein Antlitz
im Zustand
vollendeter
Ruhe.
Majakowskij proklamiert das Poem "Wolke in Hosen" (1913/14) als seinen Katechismus. Er nimmt die zeitgenössische Welt nicht an und ruft vier Negierungen auf: "Nieder mit eurer Liebe", "Nieder mit eurer Kunst", "Nieder mit eurer Staatsordnung", "Nieder mit eurer Religion".
Den ursprünglichen Titel "Der 13. Apostel" verbietet die Zensur: "Sehnen Sie sich nach der Galeerenarbeit??"
- Können Sie, Wladimir, die Lyrik mit der großen Grobheit verbinden?
- Gut, ich werde tollwütig sein, so wie ihr wollt. Oder wenn ihr wünscht, ich werde der zärtlichste sein, kein Mann, sondern eine Wolke in Hosen.
Sein kleines Arbeitszimmer ist der einzige Bereich im Museum, den man nicht fotografieren darf. Hier steht sein Schreibtisch, sein Ofen, sein amerikanischer Reisekoffer und an der Wand Rodtschenkos Lenin-Portrait. Hier sind nur die beiden Wladimirs: Lenin und er. Doch Lenin hat ihn nie empfangen. Sein großes Gedicht zu Lenins Tod 1924 wurde lange unterdrückt. Wie die meisten führenden Bolschewiki war er auch gegen die Pläne für das Mausoleum – war doch sein Gedicht die Verewigung des Andenkens:
„Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird leben!“
1917 trat Majakowski in die Revolution ein wie in sein eignes Haus, sagt man, 1919 wollte er durch die Tür dieses Hauses in die Welt-Kommune eintreten ... doch trat er nur in eine Kommunal-Wohnung. Heute wird sie nur ganz selten geöffnet – zuletzt für den Besuch seiner US-amerikanischen Tochter. Hier wurde er auch 1929 herausgetragen, nachdem er sich erschossen hatte. Dass er starb wollte er niemandem zur Last legen und bat, nicht zu lästern, denn der tote Mann habe es auch nicht gemacht. Hinterlassen hat er das in einer mit Bleistift bekritzelte Notiz an seine Mutter, seine Schwester, seine Geliebte und den „Genossen Regierung“: „Verzeiht mir, das ist keine Mittel, aber ich habe keinen Ausweg mehr.“
Deswegen ist das ganze Museumshaus voller blinder Türen. Laut offizieller Version hat er sich unmittelbar nach einem Streit mit seiner neuen Geliebten ins Herz geschossen. Doch gibt es heute zahlreiche Zweifel an dieser These – nicht zuletzt deswegen, weil sein Abschiedsbrief mit Bleistift verfasst wurde – was er sonst nie gemacht hatte.
Heute wird Majakowski als eines der ersten Opfer des anbrechenden Großen Terrors gesehen. Seine letzten beiden Stücke haben die bevorstehende „Reinigung“ zum Thema gehabt – und wurden durch eine organisierte Kampagne zum Misserfolg. Zu seiner Beerdigung kamen 150.000 Menschen. Doch er verschwand vollkommen aus der sowjetischen Öffentlichkeit. Erst ein Brief von seiner Geliebten Lilja Brik an Stalin im Jahre 1935 – so die Legende – hat ihn rehabilitiert – und zurück ins Gedächtnis geholt. Dass es ein Verbrechen sei, Majakowski so zu behandeln, schrieb Stalin in einer Resolution, er sei „der beste und begabteste Dichter unser sowjetischen Epoche“.
Doch als man 1993, zwei Jahre nach der sowjetischen Epoche, seine 100. Geburtstag feiern wollte, stand das ganze Land auf dem Kopf durch einen verpfuschten Putsch und der Termin ging unter in der grünen Flut. Grüne Kanalisationsröhren beschließen daher die Installation, am Schluss steht eine kleine Figur als der letzte Pionier (der Künstler selbst), die sofort von Langfingern geklaut wurde.
Neben der zweiten Figur des nun allerletzten Pioniers hinterließ der Künstler folgende Message:
"Herren Gauner werden gebeten, sich nicht zu bemühen. Das Figürchen ist nicht aus Bronze, sonder aus Sch.....e."
„Es gibt immer einen Ausweg“ verkündet die rote U-Bahn-Fee... Diese Plakate hängen auf dem langen Weg in den Untergrund, während aus den Lautsprechern Durchsagen erklingen, Werbung – und manchmal auch Gedichte.
Wieder auf dem Weg in die U-Bahn – oder durch die Unterführung auf die andre Seite.
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
Nach Moskau!
Aug. 16., 2008 | 01:05 am

U-Bahn als U-Topie: Statt eine himmlische Stadt in schwindelnden Höhen zu errichten, wurde hier in der Tiefe geschürft. Die Moskauer Metro-Stationen beschwören – so Boris Groys – das Bild einer nie dagewesenen, einer utopischen Vergangenheit. Heute noch mehr als damals! So wird aus jeder U-Bahnfahrerin eine Temponautin...
| leave comment | Add to Memories | Tell a Friend
AU REVOIR BERLIN!
Aug. 6., 2008 | 12:18 pm
location: Berlin-Moskau

